Erst die Wissensarchitektur, dann die Agenten.

Erst die Wissensarchitektur, dann die Agenten.

Martin Binder von der QAware GmbH hat in heise+ beschrieben, wie sein Haus Bestandssysteme modernisiert (Artikel vom 26. August 2026). Was er zeigt, ist eine Referenzimplementierung aus der Projektpraxis, und ihr Prinzip trägt weit über den Umbau von Altsystemen hinaus.

Seine These: Migrationen scheitern am fehlenden Wissen darüber, was ein System fachlich tut. „Ohne belastbaren fachlichen Kontext als Input erzeugt auch das stärkste Modell keinen verlässlichen Output“, schreibt er.

Dagegen setzt er einen persistenten Wissensgraphen als verifizierte, einzige verbindliche Beschreibung des Bestandssystems. An jeder Kante stehen Typ, Herkunft, Konfidenzstufe und die Quelle, gegen die sie geprüft wurde.

Ich lese diesen Text, weil darin steht, woran wir seit Mai bauen: ein Wissensgraph für KI-Agenten, der jede neue Aussage mit einer Konfidenzstufe führt und jeden Schreibzugriff nachweisbar protokolliert.

Das Wissen über den Bestand steckt in einem Kopf

Kennen Sie das aus Ihrer Redaktion? Ein Dokumentationsbestand ist ein Altsystem: über Jahrzehnte gewachsene Inhalte im Redaktionssystem, in DITA-Strukturen (also in Bausteinen, die in mehreren Anleitungen stecken) und in Word-Dateien, die keiner mehr anfassen will. Welche Bausteine unter welchen Bedingungen und in welchen Varianten wiederverwendet werden, ist nirgends dokumentiert. Das weiß Ihr dienstältester Redakteur, und der geht in 3 Jahren in Rente. Wer einen solchen Bestand umbaut, verliert die Begründung für jeden Baustein.

Bei einer Bestandsanalyse an einem größeren Redaktionsbestand ist unser eigener Parser an genau dieser Frage gescheitert. Mehrfach genannte Identitäten ohne Sprachschlüssel führten dazu, dass derselbe Baustein mehrfach kopiert vorlag. Beziehungen reichten über den Publikationsausschnitt hinaus und wurden dabei unsichtbar. In der Software wie in der Dokumentation lautet die Frage gleich: Was hängt an diesem Baustein, und wer benutzt ihn, ohne ihn zu nennen?

Vollständige Antworten liefert der Graph

Binder grenzt seinen Ansatz gegen die Ähnlichkeitssuche über Vektoren ab (RAG), und das zu Recht. Eine Ähnlichkeitssuche liefert Fundstellen, sortiert nach Nähe. Für eine Wirkungsanalyse brauchen Sie die vollständige Liste aller Aufrufer einer Schnittstelle, und die muss bei jeder Abfrage gleich ausfallen. Ein Graph liefert das deterministisch, weil er selbst der Index ist. Mit „diese fünf Stellen sehen ähnlich aus“ kommt niemand weiter, der prüfen muss, ob eine Änderung eine Vorschrift verletzt.

Herkunft und Konfidenz gehören an jede Aussage

Bei Binder steht an jeder Kante, wer sie eingetragen hat: ein Agent oder ein Parser. Belegt ist sie durch Inspektion, durch Schlussfolgerung oder durch die Bestätigung eines Experten; ist sie durch nichts davon belegt, steht sie als Annahme im Graphen. Widersprüchliche Aussagen bleiben beide stehen und bekommen den Zustand „in Prüfung“.

Worin liegt der Unterschied zu dem, was Ihnen Hersteller als Wissensmanagement verkaufen? In dieser Kleinigkeit. Eine Ablage ohne Absender kennen Sie schon, das Laufwerk Q. Da steht auch alles drin, und Sie glauben nichts davon. Ohne Herkunft lässt sich keine Aussage gegen eine andere abwägen.

Bei uns kommt die Nachweisbarkeit dazu

Jeder Schreibvorgang wird protokolliert, und jeder Eintrag ist mit dem vorigen verkettet (eine Hash-Kette, also eine Prüfsumme, die den Vorgänger einschließt). Ändern oder Löschen geht auf Datenbankebene nicht, die Befehle sind gesperrt. Einmal pro Stunde bekommt das Ende der Kette einen Zeitstempel von einer externen Stelle nach RFC 3161. Wer den Dienst einsetzt, kann das selbst nachrechnen, ohne uns zu fragen.

Absolute Fälschungssicherheit verspreche ich nicht: Ein Datenbank-Administrator mit vollen Rechten könnte die Kette neu berechnen. Der externe Anker bindet den Kettenkopf an einen Zeitpunkt, den niemand im eigenen Haus verschieben kann. Den Begriff „gerichtsfest“ haben wir im Juli intern verwendet und nach einer eigenen Prüfung zurückgezogen, weil er mehr versprach, als die Umsetzung damals hielt.

Zwei von Binders Bausteinen sind bei uns im Einsatz. Seit Juli ist die Konfidenzstufe an jeder neuen Fakt-Kante Pflicht; ohne sie weist der Dienst die Kante beim Schreiben ab. Ältere Kanten tragen sie überwiegend nicht; sie sind als konfidenzlos gekennzeichnet, statt dass wir Werte nachtragen, die niemand belegen kann. Die Kantentypen sind eng gefasst, allgemeine Sammelbezeichnungen lässt der Dienst nicht zu. Unabhängig davon ist die Ablage bitemporal angelegt: Gültigkeitszeit und Erfassungszeit einer Aussage werden getrennt geführt.

An vier Punkten arbeiten wir noch, und ich nenne sie hier, damit niemand sie für vorhanden hält: die Verifikationsquelle an jeder Aussage, die Herkunft je Aussage als abfragbares Feld (heute nur als Protokollzeile), ein sichtbarer Zustand „in Prüfung“ bei Widersprüchen und die Abfrage über mehrere Kanten hinweg. Einen Termin dafür nenne ich nicht, solange keiner belastbar ist.

Derselbe Bedarf in Dokumentation und Unternehmenswissen

Binders Beispiele kommen aus der Bestandsmodernisierung, und das verstellt den Blick darauf, wofür der Ansatz sonst taugt. Er gilt überall, wo mehrere Leute an einem Bestand arbeiten und später jemand auf dieser Grundlage entscheiden muss: für Programmcode, für Ihre Anleitungen und für das, was in Ihrem Haus keiner aufschreibt, etwa warum der Sicherheitshinweis auf Seite 12 genau so formuliert ist. Fragen Sie Ihren Vorgesetzten, warum eine Festlegung von 2019 so getroffen wurde, und Sie bekommen ein Schulterzucken. Das ist dieselbe Lücke wie bei der Frage, warum ein Modul diese Schnittstelle aufruft.

Deutlich wird das im Betrieb mit mehreren KI-Agenten. Wir arbeiten hier mit einem Dutzend Sitzungen gleichzeitig, jede für ein Thema. Was eine davon herausfindet, muss den anderen zur Verfügung stehen, mit der Angabe, wer es wann festgestellt hat. Wie dieses gemeinsame Gedächtnis aufgebaut ist, habe ich getrennt beschrieben.

Prüfen Sie zuerst, was Ihre Agenten lesen sollen

Ich habe noch keinen Bestand gesehen, der so sauber war, wie die Abteilung glaubte. Eine KI auf einem unaufgeräumten Bestand liefert Antworten, die gut klingen, und prüfen können Sie sie nicht. Eine KI ohne Gedächtnis fängt jeden Morgen bei null an und kann außerdem nicht sagen, woher sie etwas hat.

Binders Text ist lesenswert, weil er aus Projekten kommt. Seine Schlussfolgerung teile ich: Ein Wissensgraph für KI-Agenten muss vor den Agenten stehen.

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