Diese Woche brachte Bewegung an zwei Fronten: bei der KI-Regulierung und bei den digitalen Produktdaten, die die EU schrittweise zur Pflicht macht. Beides läuft auf dieselbe Grundlage hinaus, nämlich saubere, strukturierte Information. Wer in der Technischen Dokumentation arbeitet, sollte die ab August geltende KI-Kennzeichnungspflicht ebenso im Blick haben wie den digitalen Produktpass, der mit dem Batteriepass konkret wird. Hier die Punkte der KW 24, kurz eingeordnet, mit Quellen und ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Über die Abschaltung der Modelle Fable und Mythos für alle Nicht-Amerikaner, habe ich hier: zum Post aufmerksam gemacht – es fehlt in diesem Überblick als extra Thema.
EU veröffentlicht den Kennzeichnungs-Kodex für KI-Inhalte
Am 10. Juni hat die EU-Kommission die finale Fassung des Verhaltenskodex zur Kennzeichnung KI-generierter Inhalte veröffentlicht. Der Kodex ist freiwillig und hilft, die Transparenzpflichten aus Artikel 50 des AI Act zu erfüllen, die ab dem 2. August 2026 gelten: KI-generierte Texte, Bilder, Audio und Video sowie Deepfakes müssen erkennbar gemacht werden, und Nutzer müssen wissen, wenn sie mit einem Chatbot sprechen.
Für die Doku ist die Ausnahme wichtig: Bei Texten entfällt die Kennzeichnung, wenn ein benannter Mensch die redaktionelle Verantwortung trägt und den Inhalt geprüft hat. Genau das ist die Aufgabe der Technischen Redaktion. Wer KI-Entwürfe redaktionell prüft und verantwortet, erfüllt die Anforderung. Ohne diese Prüfung greift die Kennzeichnungspflicht. Bilder müssen Sie nicht so auffällig kennzeichnen, wie in meinen KI-generierten Bildern, aber ich beschäftige mich sehr mit KI, deren Chancen und Risiken und der Anwendung und Implementierung. Ich fände es wirklich komisch, wenn ich versuchen würde, die Nutzung der KI zu verstecken. Das sollte niemand tun. Ich bin überzeugt, dass der sinnhafte und verantwortungsvolle Umgang mit dieser Technologie viele Vorteile bringt. (Quelle: EU-Kommission)
Gartner: Ohne saubere Daten scheitern KI-Projekte
Gartner bekräftigt seine Prognose, dass Unternehmen bis Ende 2026 rund 60 % ihrer KI-Projekte aufgeben werden, wenn die Daten nicht KI-tauglich sind. Firmen mit erfolgreichen KI-Initiativen investieren laut Gartner bis zu viermal mehr, gemessen am Umsatzanteil, in Datenqualität, Governance und Change-Management.
Für die Wissensarbeit ist das die zentrale Botschaft. Eine KI ist nur so gut wie die Terminologie, die Metadaten und die Struktur, auf die sie zugreift. Saubere Modularisierung, konsistente Benennungen und gepflegte Taxonomien sind die Vorarbeit, ohne die jedes KI-Projekt im Sand verläuft. (Quelle: Gartner)
Wenn Anwender bei ihrer ersten Nutzung einer Lösung auf ein System stoßen, welches fehlerhafte, dumme oder schlechte Antworten gibt, ist dieses System für lange Zeit verbrannt. Das ist in etwa vergleichbar mit dem ersten Eindruck bei uns Menschen. Daher machen Sie erst Ihre Daten sauber und testen Sie im kleinen Kreis, bevor Sie Lösungen ausrollen, die nicht funktionieren.
Aufgabenspezifische KI-Agenten ziehen in die Software ein
Ebenfalls von Gartner: Bis Ende 2026 sollen 40 % der Unternehmensanwendungen aufgabenspezifische KI-Agenten enthalten, gegenüber weniger als 5 % im Jahr 2025.
Für Redaktions- und CCMS-Umgebungen heißt das, dass Agenten künftig Routinearbeiten übernehmen: Konsistenzprüfung, Verschlagwortung, Vorbereitung von Übersetzungen. Die Arbeit der Redaktion verschiebt sich dabei von der reinen Erstellung hin zur Steuerung und Kontrolle dieser Agenten. (Quelle: Gartner)
KI und iiRDS: Standards als Brücke
In der Tech-Doku-Community bleibt die Verbindung von KI mit etablierten Standards ein Schwerpunkt. Die tekom-Programme zeigen, dass KI vor allem dort trägt, wo strukturierte Daten und Standards wie iiRDS bereits vorhanden sind, etwa bei der Qualitätsprüfung eingehender Zulieferdokumentation oder beim kontextbezogenen Content Delivery.
Das passt zur Gartner-Zahl von oben. KI setzt auf vorhandener Struktur auf. Wo iiRDS, Metadaten und ein sauberes CCMS fehlen, automatisiert man am Ende nur das Chaos. Wer diese Grundlagen hat, kann KI sinnvoll andocken. (Quelle: tekom)
Neue Modelle: weniger Halluzinationen, mehr Datenhoheit
Bei den Modellen tut sich einiges. OpenAI ersetzt das ChatGPT-Standardmodell durch GPT-5.5 Instant, das laut Hersteller bei riskanten Fragen aus Medizin, Recht und Finanzen rund 52 % weniger Halluzinationen produziert. Mistral hat mit Medium 3.5 ein Modell mit 128 Milliarden Parametern vorgestellt, das sich bereits mit vier Grafikkarten betreiben lässt.
Für die Doku sind zwei Dinge relevant. Weniger Halluzinationen senken das Prüfrisiko bei Fachinhalten, doch abnehmen muss die Redaktion die Inhalte weiterhin selbst. Und ein europäisches Modell, das lokal läuft, ist für alle interessant, die ihre Inhalte nicht in eine US-Cloud geben wollen. Herstellerangaben zu Fehlerquoten sind mit der nötigen Vorsicht zu lesen. (Quelle: heise online)
Ungeprüfte KI-Daten werden zum Governance-Thema
Gartner erwartet, dass bis 2028 die Hälfte der Organisationen auf eine Zero-Trust-Datenverwaltung umstellt, weil der Anteil ungeprüfter, KI-generierter Daten wächst.
Das betrifft die Wissensbasis direkt. Sobald KI-Output zurück in die eigenen Systeme fließt, als Entwurf, als Zusammenfassung, als Antwort, braucht es eine Quellenkennzeichnung und eine Prüfschicht. Sonst trainiert sich ein Unternehmen über die Zeit seine eigenen Fehler an. (Quelle: Gartner)
Der digitale Produktpass wird greifbar
Neben der KI-Regulierung schreitet eine zweite EU-Linie voran, die die Doku direkt trifft. Den Anfang macht der digitale Batteriepass. Ab dem 18. Februar 2027 braucht jede neu in der EU in Verkehr gebrachte Antriebs-, Zweirad- oder Industriebatterie über 2 kWh einen solchen Pass, abrufbar über einen QR-Code am Produkt. Er ist der erste verpflichtende Vertreter des digitalen Produktpasses, der über die Ökodesign-Verordnung schrittweise auf weitere Produktgruppen ausgeweitet wird.
Für die Technische Dokumentation ist das ein vertrautes Muster. Ein Produktpass ist nur so gut wie die strukturierten, medienneutralen Daten dahinter: Herkunft, Materialien, CO2-Bilanz, Reparatur- und Recyclinginformationen über den gesamten Lebenszyklus. Das ist dieselbe Grundlage, die auch eine medienneutrale Datenhaltung für jede digitale Auslieferung verlangt. Wer seine Produktdaten heute in verstreuten Dokumenten hält, wird die kommenden Nachweispflichten nur mühsam erfüllen. (Quelle: Rödl & Partner)
Kurz-Fazit
Diese Woche dreht sich vieles um Pflichten und Fundamente. Bei der KI-Kennzeichnung setzt der AI Act ab August einen festen Termin, beim digitalen Produktpass folgt er mit dem Batteriepass. Beide Linien verlangen am Ende dasselbe: saubere, strukturierte Inhalte mit klarer Verantwortung. Wer Technische Dokumentation und Wissensmanagement ernst nimmt, schafft damit die Grundlage für beides.
Ich sammle diese Entwicklungen jede Woche und ordne sie für die Doku- und Wissensarbeit ein. Wenn Sie einen Punkt vertiefen möchten oder eine andere Sicht darauf haben, schreiben Sie mir gern über E-Mail senden.