Diese Woche liefert vor allem Material zu der Frage, woran KI-Projekte in Unternehmen hängenbleiben. Eine Fraunhofer-Studie benennt den Grund, Brüssel schaltet das Register für den digitalen Produktpass frei, und 37 Unternehmen gründen eine Allianz für den sicheren Betrieb von KI-Agenten. Alle drei betreffen KI in der Technischen Dokumentation an derselben Stelle: bei der Frage, welche Inhalte ein System überhaupt vorfindet.
Fraunhofer: Die Systeme kennen die Abläufe nicht
Celonis und das Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT haben am 29. Juli die Studie „Intelligent, aber blind für Geschäftsprozesse“ veröffentlicht. Sie stützt sich auf qualitative Interviews mit Führungskräften internationaler Unternehmen und auf die Auswertung bestehender Befragungen von über 1.600 Führungskräften. Der Befund: Die Systeme sind technisch leistungsfähig, ihnen fehlt das Verständnis für die realen Abläufe im Unternehmen.
Prozesswissen liegt in Betrieben selten an einer Stelle. Es steckt in Arbeitsanweisungen, Betriebsanleitungen und Prüfprotokollen, vor allem aber in den Köpfen der Leute, die den Ablauf seit Jahren fahren. Wer ein Sprachmodell auf einen Prozess ansetzt, den niemand beschrieben hat, bekommt eine plausible Antwort ohne Deckung. Das fällt meistens erst auf, wenn jemand nachrechnet. In den Projekten, die ich begleite, ist dieser Zustand der Regelfall: Der Ablauf läuft seit Jahren, vollständig beschrieben ist er nirgends. Genau hier laufen Technische Dokumentation und Wissensmanagement zusammen: Beide liefern den Kontext, dessen Fehlen die Studie beschreibt. Eine Bestandsaufnahme der eigenen Prozessbeschreibungen kostet wenige Tage und gehört vor die erste Modellauswahl. (Quelle: Fraunhofer FIT)
Das Register für den digitalen Produktpass ist freigeschaltet
Seit dem 22. Juli läuft das zentrale Register der EU-Kommission für den digitalen Produktpass. Unternehmen erreichen über die DPP-Website eine Testumgebung, die technische Dokumentation und einen Helpdesk. Erste verbindliche Produktkategorie sind Batterien mit Stichtag 18. Februar 2027. Im Pass stehen unter anderem Herkunft, Wiederverwendungsmöglichkeiten, Gebrauchsanweisungen und Angaben zur Einhaltung von Vorschriften.
Für die Redaktion zählt vor allem die Gebrauchsanweisung im Produktpass. Verlangt sind Inhalte, die einzeln auffindbar und versionierbar sind und sich maschinell abrufen lassen. Ein PDF am Ende der Prozesskette erfüllt das nicht. Wer heute schon modular arbeitet und seine Metadaten pflegt, hat den größeren Teil der Arbeit hinter sich. In diesem Jahr entscheidet sich, ob die Grundlagen bis zum Stichtag stehen. Wer erst 2027 beginnt, die eigenen Produktdaten zu sortieren, verhandelt unter Zeitdruck mit Lieferanten über Angaben, die dort niemand vorhält. (Quelle: Europäische Kommission)
37 Unternehmen bauen eine Sicherheitsschicht für KI-Agenten
Nvidia hat am 27. Juli die Open Secure AI Alliance vorgestellt. Zu den 37 Gründungspartnern gehören Microsoft, IBM, SAP, Siemens, Cisco, Cloudflare, Palantir, Salesforce, Hugging Face und die Linux Foundation. Geplant sind offene Werkzeuge für den sicheren Betrieb von KI-Agenten: das Projekt NOOA für die Nachvollziehbarkeit von Agentenverhalten, sichere Formate für Modellgewichte, überprüfbare Agentenidentitäten und eine automatisierte Schwachstellensuche.
Sobald ein Agent Ihre Dokumentation liest oder Inhalte ändert, brauchen Sie eine Antwort darauf, was er wann getan hat. Bis die offenen Werkzeuge verfügbar sind, gilt der einfache Weg: Zugriffsrechte festlegen und jeden Zugriff mitschreiben. (Quelle: heise online)
Microsoft tauscht zugekaufte Modelle gegen eigene, kleinere
Microsoft ersetzt in Bing Image Creator, PowerPoint und OneDrive schrittweise OpenAI-Modelle durch eigene MAI-Modelle. Die genannten Zahlen sind deutlich: In der Bildbearbeitung von PowerPoint sinken die GPU-Kosten gegenüber GPT-Image-2 um bis zu 84 %, im Contact Center von Dynamics 365 um bis zu 89 %. MAI-Voice-2-Flash arbeitet doppelt so schnell wie der Vorgänger bei 32 % niedrigeren Kosten.
Terminologieprüfung oder die Klassifikation von Topics verlangen kein Spitzenmodell. Ein kleineres Modell auf sauber strukturierten Daten erledigt das zuverlässig. (Quelle: heise online)
Die Fachzeitschrift fragt nach den Kompetenzen von morgen
Die Ausgabe 04/2026 der „technischen kommunikation“ vom 17. Juli trägt den Schwerpunkt „Kompetenzen von morgen“. Mathias Maul beschreibt kognitive Souveränität als die Fähigkeit, Werkzeuge zu beherrschen, ohne von ihnen beherrscht zu werden. Michael Schaffner hält fest, dass Fachwissen trotz generativer KI unverzichtbar bleibt. Christopher Rechtien sieht in der Moderation von Anforderungen, Feedback und Wissenstransfer den Weg, mit dem eine Redaktion im Unternehmen strategisch sichtbar wird.
Der Schwerpunkt trifft eine Verschiebung, die mir in Projekten regelmäßig begegnet. Sobald ein Modell brauchbare Entwürfe liefert, gerät reine Schreibleistung unter Rechtfertigungsdruck. Gebraucht wird dann die Person, die den Wissensfluss im Haus organisiert und für die Qualität der Ergebnisse geradesteht. Den Punkt Moderation würde ich deshalb ernst nehmen, er lässt sich schwerer automatisieren als das Formulieren. (Quelle: technische kommunikation)
Die Bundesnetzagentur wird Anlaufstelle für die KI-Verordnung
Mit den Transparenzpflichten aus Artikel 50 der KI-Verordnung, die seit Anfang August anwendbar sind, steht auch die deutsche Zuständigkeit fest. Als zentrale Behörde für die Durchsetzung übernimmt die Bundesnetzagentur Marktüberwachung, nationale Anlaufstelle und Beschwerdestelle. Für kleinere Unternehmen entstehen ein KI-Reallabor und ein KI-Service-Desk mit Werkzeugen zur Risikoeinschätzung. heise-Justiziar Joerg Heidrich weist auf zahlreiche Ausnahmen hin. Wer Bilder von Dritten übernimmt, unterliegt nach dem Wortlaut der Regelung keiner Kennzeichnungspflicht.
Praktisch nutzbar an dieser Meldung ist der Service-Desk. Wenn Sie unsicher sind, ob Ihr Doku-Chatbot unter die Transparenzpflichten fällt, gibt es dafür jetzt eine benannte Stelle. (Quelle: heise online)
Kurz gefasst
Bringen Sie Ihre Prozesse und Produktdaten in eine Form, die sich lesen und maschinell abrufen lässt. Danach kommt die Frage nach dem Modell. Die Fraunhofer-Studie beschreibt den Fall, in dem diese Reihenfolge umgedreht wurde, und der digitale Produktpass setzt der Sache ein Datum.
Wenn Sie Ihre Dokumentations- und Wissensprozesse in diese Richtung entwickeln wollen, finden Sie unter Leistungen und KI-Exzellenz die Ansatzpunkte. Fragen zu einzelnen Meldungen beantworte ich gern.