Wir sehen gerade zu, wie sich buchstäblich alles verändert. Nicht in der Art, wie man auf Konferenzen gerne von „Transformation“ oder Industrie 4.0 redet, sondern wirklich: in der Art, wie Menschen schreiben, lesen, suchen, programmieren, dokumentieren, planen. Künstliche Intelligenz hält in jede ernsthafte Wertschöpfung Einzug, und sie tut das schneller, als die meisten Unternehmen ihre Sicherheitsrichtlinie aktualisieren können.
Wer sich auskennt und kritisch bleibt, gewinnt etwas. Wer sich nicht damit beschäftigt wir wirtschaftlich bald kaum noch eine Rolle spielen.
Es ist eine spannende, abwechslungsreiche und chancenreiche Zeit. Witzig ist das alles nicht. Es verändert die ganze Welt.
Die Strom-Analogie, und warum sie unbequem ist
Strom ist heute überall. Niemand fragt mehr „Soll ich Strom nutzen?“, und niemand würde auf die Idee kommen, einen Betrieb, eine Firma oder ein Haus ohne Strom zu betreiben oder zu beziehen. KI entwickelt sich gerade genauso. In zwei oder drei Jahren wird die Frage „Setzt euer Unternehmen KI ein?“ so wirken wie heute die Frage „Habt ihr eigentlich Internet?“.
Strom hat aber eine Eigenschaft, die für meine These zentral ist: Wer den Strom liefert, hat enorme Macht über die Preise und über die Liefermenge. Genau das gilt für KI ebenfalls.
Ich fühle mich gerade so, als hätte Europa damals entschieden, dass „Strom“ etwas Böses ist, das wir hier nicht wollen und das irre reguliert werden muss, damit niemand zu Schaden kommt. In der Folge wären hier keine Kraftwerke und Stromnetze entstanden, und wir wären heute vermutlich von den Netzen aus China und Russland abhängig. Gruselig. Aber genau das passiert gerade mit der Entwicklung von KI und der dafür nötigen Rechenleistung.
Heute zahlen wir vergleichsweise wenig. Anthropic, OpenAI, Google und die anderen großen Anbieter konkurrieren um Marktanteile, senken Preise, geben Kontingente (quasi Flatrates) aus. OpenAI hat zuletzt sogar offen über Preissenkungen nachgedacht, weil Anthropic mit Claude Code aggressiv ins API-Geschäft drängt. Schön für uns Anwender. Aber Hand aufs Herz: Glaubt jemand, das bleibt so?
Token werden im Mittel möglicherweise günstiger pro Stück, ja. Die Rechnungen werden trotzdem größer, weil agentische Anwendungen riesige Mengen Kontext verbrauchen. Und sobald sich die Marktanteile gesetzt haben, werden die Preise anziehen. Mit Verschwörungstheorie hat das nichts zu tun, sondern mit Marktökonomie.
Eine Handvoll Anbieter, und ein Kontinent, der zuschaut
Aus meiner Sicht entscheiden derzeit eine Handvoll US-Konzerne über die Basisinfrastruktur einer Technologie, die in jedes Unternehmen, jede Behörde und jede Schule einsickert. Ich sage bewusst „aus meiner Sicht“, weil das eine Haltung ist und sich nicht mit der Ihren oder der von Anderen decken muss. Aber die Konzentration ist messbar: Wenige Anbieter, wenige Modelle, wenige Rechenzentren, eine sehr überschaubare Auswahl an Chips.
Und Europa? Europa hat sich in der Cloud-Frage bereits einmal in eine Abhängigkeit hineinmanövriert, die wir bis heute nicht aufgelöst haben. Wer als deutscher Mittelständler einen ernsthaften Cloud-Anbieter mit der Tiefe von AWS, Azure oder Google Cloud sucht, landet schnell wieder in den USA. Das wird in der KI nicht anders, wenn wir nichts tun. Eher schlimmer, weil KI näher am eigenen geistigen Eigentum sitzt als die reine Rechenleistung.
Die Lage der europäischen Spieler
Mir sind drei Namen präsent, wenn es um europäische KI geht: Aleph Alpha, Mistral und seit kürzerer Zeit die Schwarz-Gruppe. Schauen wir uns das an:
Aleph Alpha Schon vor 5 Jahren hatte ich meinen ersten Kontakt zu Aleph Alpha. Damals konnten sie meinen realen Usecase nicht bedienen. Dennoch war es für mich, bis vor ca. einem Jahr, als deutsches Hoffnungsprojekt eingestuft, das die Politik zu früh aufgegeben hat. Das war zu kurz gegriffen. Aleph Alpha hat sich bereits 2024 strategisch vom Wettlauf um die größten Sprachmodelle verabschiedet und sich auf eine Plattform für Unternehmens-KI (PhariaAI) verlegt, einschließlich eigener Open-Weight-Modelle. Im April 2026 wurde dann der nächste Schritt offiziell: Eine Fusion mit dem kanadischen Anbieter Cohere zu einem gemeinsamen Unternehmen mit einer Bewertung von rund 20 Milliarden US-Dollar, mit doppeltem Hauptsitz in Kanada und Deutschland. Die Schwarz-Gruppe steigt mit 600 Millionen Dollar in die Series-E-Runde ein.
Eine deutsche Frontier-Story ist das nicht mehr. Stattdessen entsteht eine transatlantische Konstruktion, die unter dem Label „Sovereign AI“ an Banken, Behörden, Verteidigung und Energieversorger verkauft wird. Ob man darin europäische Souveränität sieht, hängt davon ab, wie man das Wort definiert. Ich bin da skeptisch. Eine Fusion mit einem Anbieter aus Nordamerika ist nicht dasselbe wie eine eigene europäische Antwort.
Mistral aus Frankreich liefert ordentliche Modelle, vor allem im Kosten-Leistungs-Verhältnis. Mistral Large 3 ist als bezahlbarer Allrounder mit europäischer Datenresidenz interessant, besonders für Unternehmen, die ohnehin nichts an US-Anbieter geben dürfen. Auf den meisten harten Benchmarks liegt Mistral aber spürbar hinter den Spitzenmodellen aus den USA und China. Nicht meilenweit, das wäre ungerecht, aber mit einem klaren Abstand, den auch Mistral selbst nicht wegdiskutiert. Ohne weiteres Kapital und ohne eigenen Zugang zu Spitzenrechenzentren wird sich daran kurzfristig wenig ändern.
Die Schwarz-Gruppe beziehungsweise Schwarz Digits ist der für mich derzeit interessanteste europäische Akteur. 11 Mrd € fließen in einen Rechenzentrumsneubau in Lübbenau. In der zweiten Ausbaustufe soll dort Platz für bis zu 100.000 KI-Beschleuniger entstehen, also rund das Zehnfache dessen, was die Deutsche Telekom in München aufbaut. Schwarz Digits positioniert sich offen als europäischer Hyperscaler-Kandidat mit der eigenen Cloud-Plattform Stackit, hat 2026 große Partnerschaften (unter anderem mit Crowdstrike) eingefädelt und sich vom Lidl-Marktplatz-Geschäft getrennt, um sich auf Infrastruktur zu konzentrieren.
Wer aus dem Lebensmittelhandel kommt und 11 Mrd € in eine sichere, europäische KI-Infrastruktur steckt, verdient zumindest, dass man hinschaut. Ob daraus ein echter Gegenpol wird, entscheidet sich nicht in der Pressemitteilung, sondern in den nächsten 24 bis 36 Monaten.
Die EU bewegt sich endlich, aber sie bewegt sich (zu) langsam
Auch politisch tut sich etwas. Im Januar 2026 hat der Rat den Weg für sogenannte AI-Gigafactories freigemacht. Bis zu fünf solcher Anlagen sollen entstehen, jede mit mehr als 100.000 modernen Beschleunigern, und insgesamt rund 20 Mrd € EU-Mittel fließen in das Programm. Im März kam in Barcelona EURO-3C dazu, eine Initiative mit über 70 Organisationen aus 13 Ländern für eine föderierte europäische Telco-Edge-Cloud-Infrastruktur. Im Juni 2026 hat die Kommission das „EU Tech Sovereignty Package“ nachgelegt.
Ich begrüße das ausdrücklich. Aber die Calls für die Gigafactories sind bereits zweimal verschoben worden, und während wir hier diskutieren, baut die Schwarz-Gruppe ihr Rechenzentrum bereits.
Was heißt das für Sie?
Erstens: Setzen Sie heute KI ein, aber tun Sie es bewusst. Lassen Sie sich nicht in einen einzigen Anbieter eintunneln, ohne zu wissen, was es kostet, wenn der Preis verdoppelt wird. Schreiben Sie Schnittstellen so, dass Sie ein Modell tauschen können. Halten Sie sich offen.
Zweitens: Behandeln Sie KI wie eine kritische Lieferkette. Sie würden auch keinen Sondermaschinenbauer auf einen einzigen Stahllieferanten in Übersee bauen, der jederzeit den Hahn zudrehen kann. Bei der Cloud haben wir das gemacht, und es war ein Fehler. Wiederholen Sie ihn nicht.
Drittens: Wer in einem Unternehmen Einfluss auf Investitionsentscheidungen hat, sollte europäische Alternativen ernsthaft prüfen, sobald sie funktional reichen. Nicht aus Patriotismus, sondern aus Risikomanagement. Mistral, Aleph Alpha-Cohere, Stackit. Keiner davon ist die perfekte Antwort. Aber jeder Euro, der dort landet, fehlt im Vendor-Lock-In der großen Vier.
Abwarten ist keine Option. Wer sich nicht mit KI beschäftigt, wird in zwei Jahren erklären müssen, warum sein Wettbewerber zu deutlich niedrigeren Stückkosten ähnliche Qualität liefert. Wer sich nur mit KI beschäftigt und kritiklos alles aus einer einzigen amerikanischen Quelle bezieht, sitzt in einem Lotterielos. Meine Haltung dazu ist klar: auskennen und kritisch bleiben, beides gleichzeitig. Das ist anstrengend, aber Strom ist auch nicht von alleine in die Steckdose gekommen.
Quellen (Recherche-Stand Juni 2026)
- TechCrunch (24.04.2026): Cohere–Aleph-Alpha-Fusion, 20 Mrd US-Dollar Bewertung
- CNBC (24.04.2026): Cohere-Aleph-Alpha Deal, Europa-Expansion
- Sifted: Schwarz-Gruppe 600 Mio US-Dollar Series E in Cohere
- it-boltwise: Aleph Alphas Open-Source-/PhariaAI-Strategie
- CRN: Schwarz Digits 11 Mrd € Rechenzentrum Lübbenau
- connect-professional: Schwarz Digits Strategie 2026; Telekom München vs. Schwarz Lübbenau (10× GPUs)
- ai-crucible / Admix: Mistral Large 3 Benchmark-Vergleiche 2026
- Consilium (16.01.2026): EU-Rat — AI-Gigafactories; STL Partners: EU AI Gigafactory Initiative
- Global Policy Watch (06/2026): EU Tech Sovereignty Package
- PYMNTS / ComputerBase: OpenAI erwägt Preissenkung wegen Anthropic